Betrogene Hoffnungen – die ersten Jahre der Weimarer Republik in Düren

Diese Ausstellung wurde als 5. Abteilung unserer Stadtgeschichte am 23. April  2017 eröffnet und sollte das Schicksal unserer Stadt in der Zeit zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Mitte der 1920er Jahre zeigen, als sich die Verhältnisse – nach dem anfänglichen Besatzungsschrecken, Ruhrkampf, Separatistenherrschaft und Hyperinflation – langsam wieder beruhigten, wenn auch nur für wenige Jahre. Denn die zum geflügelten Wort stilisierten "Goldenen Zwanziger" gab es in Düren nicht.
Die Ausstellung wurde im August 2021 abgebaut zugunsten der neuen Ausstellung "In Düren zu Hause – Migrationsgeschichte(n) und kulturelle Vielfalt".
Die Ausstellungsinhalte dienen als Grundlage unseres aktuellen Forschungsprojektes zu der Zeit 1918-1925, aus dem eine Publikation in Fortsetzung unserer Reihe zur Stadtgeschichte erwachsen soll.


Die Weimarer Republik – eine Übersicht

09. November 1918: Kaiser Wilhelm II. dankt ab. In Berlin wird nach revolutionären Erhebungen in vielen Landesteilen die Republik ausgerufen.
11. November 1918: Unterzeichnung des Waffenstillstands und damit Ende der Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs.19. Januar 1919: Wahl zur Nationalversammlung. Erstmals sind auch Frauen berechtigt, an einer Wahl teilzunehmen.
11. Februar 1919: Wahl Friedrich Eberts zum Reichspräsidenten der Weimarer Republik
28. Juni 1919: Unterzeichnung des Versailler Vertrags durch die deutsche Delegation
31. Juli / 01. August 1919: Die Weimarer Reichsverfassung tritt in Kraft.
10. Januar 1920: Inkrafttreten des Versailler Vertrags, der von vielen Deutschen als „Diktatfrieden“ verstanden wird
11./13. Januar 1923: Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Soldaten, Beginn des „Ruhrkampfes“ mit „passivem Widerstand“. Einsetzen der Hyperinflation.
15. November 1923: Währungsreform mit Rentenmark zur Eindämmung der Hyperinflation. Das Ergebnis ist die vorübergehende Stabilisierung der Wirtschaft.
29. August 1924: Annahme des Dawes-Plans im Reichstag. Dieser regelt die Reparationszahlungen Deutschlands an die Siegermächte des Ersten Weltkrieges und orientiert sich dabei an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Deutschlands. Außerdem werden Kredite an die deutsche Wirtschaft vergeben.
1925: Veranstaltungen zur Jahrtausendfeier des Rheinlands.
26. April 1925: Wahl Paul von Hindenburgs zum Reichspräsidenten nach dem Tod Eberts am 28. Februar.
08. September 1926: Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund. Gleichzeitig treten die Verträge von Locarno in Kraft, in denen Deutschland und Frankreich die Westgrenze anerkennen.
01. September 1929: Der Young-Plan löst den Dawes-Plan in Fragen der Reparationszahlungen ab.
24. Oktober 1929: Börsencrash in New York und Beginn der Weltwirtschaftskrise.


Englische Besatzung

Mit der Verkündigung des Waffenstillstands am 11. November 1918 war klar, dass Teile des Deutschen Reiches eine fremde Besatzung erhalten würden. Am 4. Dezember 1918 erreichten englische Einheiten die Stadt Düren und übernahmen das Kommando. Der Arbeiter- und Soldatenrat wurde abgesetzt, die Zivilgewalt ausschließlich dem Oberbürgermeister übertragen, der allerdings an die Weisungen der britischen Militärbehörde gebunden war.
Für die Zivilbevölkerung gab es zahlreiche Einschränkungen, wie z.B. ein Versammlungsverbot (Ausnahmen: Brauchtum, wie Prozessionen oder Schützenumzüge), Ausgangsbeschränkungen (von 8 Uhr abends bis 7 Uhr morgens, bereits Ende Dezember 1918 gelockert und im Laufe des Jahres 1919 nur noch auf die Stunden zwischen Mitternacht und 4 Uhr morgens angewendet).
Bis Ende Dezember 1918 hatten alle Bürger einen Personalausweis zu beantragen und mit sich zu führen.
Alle Telefone und Telegrafen mussten abgegeben werden wie auch der Einsatz von Brieftauben verboten wurde (Ende Januar 1919 gelockert; temporäre Sperren bei „Missverhalten“).
Verbot der Berichterstattung zur Besatzung. Vertrieb von Zeitungen aus dem „Restreich“ gegen strenge Auflagen. Aktuelle Listen der jeweils erlaubten Druckerzeugnisse wurden veröffentlicht.
Ansprechpartner für die britische Besatzung waren ausschließlich Oberbürgermeister und Landrat. Diesen wurde angedroht, bei gravierendem Fehlverhalten der Bevölkerung persönlich zur Verantwortung gezogen zu werden.
Das Verhältnis zwischen der Dürener Bevölkerung und der britischen Besatzung scheint jedoch ohne größere Spannungen gewesen zu sein. Die Briten waren angehalten, so wenig wie möglich in Erscheinung zu treten und das zivile Leben ohne größere Eingriffe unverändert zu lassen.
Im Laufe des Jahres 1919 fand eine stetige Reduzierung britischer Truppenpräsenz statt und am 5. November 1919 verließen die Briten Düren, die Franzosen übernahmen.

Fraternisierungsverbot

In der Frühzeit der englischen Besatzung bestand ein striktes Fraternisierungsverbot.
In den ersten Tagen hielten sich nahezu alle Soldaten daran. Das hielt sie aber nicht davon ab, Cafés und Restaurants aufzusuchen. Hier und auf diversen Festen kamen auch Mann und Frau sich näher. Einquartierungen in den Familien führten zu einer weiteren Annäherung. Bereits Weihnachten 1918 nahmen Militärangehörige in den Familien am Weihnachtsfest teil.
Als das Fraternisierungsverbot offiziell fiel (Mitte 1919), wurden bis 1920/21 im Rheinland hunderte von Eheschließungen verzeichnet. Darunter ein Soldat, der nahe Düren einen Bauernhof übernahm, ein anderer versuchte es in Düren mit dem Handel.

Schottenschock

Die Präsenz schottischer Truppen im Kilt verursachte eine Art Kulturschock bei der deutschen Bevölkerung. Es wird berichtet, dass Kinder den mit Kilt und Pipes einziehenden Soldaten mit fröhlichem Lachen begegneten. In der Folge aber gab es Lokalitäten, die Zutritt nur in ordnungsgemäßer Hose erlaubten, oder es wurden Vorhänge aufgezogen, hinter denen sich „Scottish Troops“ aufzuhalten hatten.
Eine Episode aus dem Dürener Militärgericht:  Eine Frau führte Klage, sie sei von einem englischen Soldaten bestohlen worden. Ihre Beschreibung: ein Middlesex. Der verwirrte britische Offizier: es gibt keine Soldaten aus Middlesex (Anm.: eine englische Grafschaft) in Düren. Das wiederum sah die Frau anders, für sie waren die „Kiltträger“ offensichtlich „Middlesex“, und das hatte nichts mit Geografie zu tun …

Englische Sicht auf die Bevölkerung

Kriegspropaganda beeinflusst zu Beginn die gegenseitige Sicht.
Dürener Zeitungen dürfen, da verboten, nichts über alliierte Truppen und Maßnahmen berichten. In der britischen Presse wandelt sich das Bild vom „Hunnen“. Besonders die Freundlichkeit und Neugier der Kinder wird hervorgehoben. Männer würden freundlich grüßen. Trotzdem ist ein Trend zu beobachten, hutlos zu gehen, um nicht beim Aufeinandertreffen diesen ziehen zu müssen.
Lediglich einige Frauen gehobenen Standes würden britische Soldaten möglichst ignorieren. Allgemein ist aber Erleichterung zu verspüren, dass britische Truppen offensichtlich höflich und korrekt auftreten.
Die Dürener Bevölkerung wird als körperlich etwas schwach gebaut beschrieben, lebenslustig, temperamentvoll, mehr Schnaps als Wein orientiert,  katholisch, aber den Hohenzollern zugetan.

Stationierung

Die englischen Truppen rückten in die Neue Kaserne ein. Darüber hinaus wurde die medizinische Versorgung der Truppen im Annaheim sichergestellt. Außerdem wurde eine Poststation betrieben, die offensichtlich eine Verteilfunktion für Poststellen im Umland hatte. 2 x täglich wurde Düren von einem Postzug angefahren (1 x von Calais und 1 x von Boulogne aus).
Das Flugfeld an der Stepprather Heide wurde in Betrieb genommen und bereits im Februar 1919 wurden dort Schießübungen abgehalten. Ein regelmäßiger Luftverkehr hat aber offensichtlich nicht stattgefunden, das Flugfeld diente in erster Linie als möglicher Einsatzplatz bei einer Krise.
Offiziere und ein Teil der Unteroffiziere wurden in Privatquartieren untergebracht. Die Requirierung/Verteilung erfolgte über die städtische Verwaltung, die auch die Vergütung zu übernehmen hatte (z.B. 8 Mark/Tag für einen Offizier).


Französische Besatzung

Nach dem Abzug der britischen Truppen übernahmen die Franzosen im November 1919 die Kontrolle über die Stadt Düren und das Umland. Für die Dürener bedeutete dieser Wechsel eine große Veränderung, denn die Franzosen herrschten über die von ihnen besetzte Zone mit eiserner Hand und – so berichtet der damalige Dürener Oberbürgermeister Ernst Overhues 1934 – mit starker Willkür.
Unmittelbar nach ihrer Ankunft begannen die Franzosen mit ersten Beschlagnahmungen von öffentlichen Gebäuden, wie etwa der Garnisonskrankenstube und eines Kindergartens. Auch eine Einquartierung von französischen Soldaten in private Wohnungen und Häuser während der regelmäßigen Manöverübungen war üblich und sorgte für zusätzliche Spannungen.
In den 1920er Jahren eskalierte das schon gespannte Verhältnis zwischen Besatzern und Besetzten dann zusehends: Steigende Inflation der deutschen Währung und die in der französischen Besatzungszone nur eingeschränkt arbeitsfähige Industrie sorgten überall für wachsende Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit. Gerade Düren, das vor dem Krieg stark auf seine Industrie setze, war davon in besonderem Maße betroffen. Dass die Franzosen gleichzeitig wiederholt städtische Gelder wie etwa die Stadtkasse und die Kasse für die Erwerbslosenunterstützung beschlagnahmten, schürte den Unmut in der Bevölkerung weiter.
Das Fass zum Überlaufen brachte dann die Ruhrbesetzung 1923, nach der es überall im Rheinland zum „Passiven Widerstand“ gegen die Besatzer kam. In Düren äußerte sich dieser vor allem durch die Sabotage der von den Franzosen kontrollierten Eisenbahn und den Ungehorsam der Bahnbeamten. Als Reaktion darauf wurde am 6. Februar 1923 der Dürener Bahnhof von den Franzosen besetzt und stillgelegt. Die Eisenbahner mussten ihre Dienstwohnungen räumen und wurden zum Teil aus der Besatzungszone ausgewiesen. Erst im August 1924 wurde die strikte Kontrolle der Eisenbahn wieder gelockert.
Das zerrüttete Verhältnis zwischen den Dürenern und ihren Besatzern sollte sich bis zum Abzug der Franzosen am 25.11.1929 nicht mehr wesentlich bessern.

Die „schwarze Schmach“

Einige der Besatzungstruppen stammten aus den französischen Kolonien in Afrika, wie etwa die Turkos (Algerien, Tunesien) und die Tirailleurs sénégalais (Senegal). Verhaftet im zeitgenössischen rassistischen Denken wurden diese Einheiten bereits während des Krieges von deutscher Seite als „Verrat an der weißen Rasse“ angesehen. Ihre Präsenz im Rheinland rief unter dem Schlagwort der „Schwarzen Schmach“ in der deutschen Öffentlichkeit eine besonders starke Empörung hervor.
Öffentlich wurde propagiert, dass „schwarzafrikanische Soldaten“ deutsche Frauen vergewaltigten – eine Behauptung, die sich bis in US-amerikanische Medien niederschlug. In dieser Zeit im Rheinland geborene Kinder afrikanischer Soldaten und einheimischer Frauen wurden als „Rheinlandbastarde“ beschimpft und sahen sich ebenso erheblicher Diskriminierung ausgesetzt wie ihre Mütter. Von den Behörden wurden insgesamt 385 afrikanisch-deutsche Besatzungskinder erfasst.


Separatismus

Der Begriff des Separatismus beschreibt eine politisch motivierte Bewegung, deren Ziel die Abspaltung des Rheinlands vom Deutschen Reich und die Bildung eines eigenständigen Staates ist. Durch die katastrophalen Ereignisse rund um Hyperinflation und die hohe Arbeitslosigkeit wird der Nährboden geschaffen, der das Ausbreiten der separatistischen Ideen möglich macht. Auch die französische Besatzung trägt einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung in Düren zwischen dem 22. Oktober 1923 und dem 22. Februar 1924.
An diesem 22. Oktober besetzen Separatisten das Rathaus, das Landratsamt, die Post sowie weitere Gebäude und proklamierten die „Rheinische Republik“ in Düren. Die Verwaltung um Dr. Ernst Overhues erklärt ihre Treue zum Deutschen Reich und dass man die Arbeit fortsetzen werde. Dies wird allerdings von mehreren Seiten erschwert, die französischen Besatzer in Düren lassen die Separatisten gewähren, da sie eine Abspaltung des Rheinlandes befürworten. Gleichzeitig zeigt die preußische Regierung in Berlin wenig Verständnis für die Situation und stellt die Zahlung der Erwerbslosenfürsorge ein, was innerhalb kürzester Zeit zu Unruhen führt. Die Stadt übernimmt zwar vorübergehend die Zahlung und beruhigt die Lage, allerdings nur für einige Tage.
Am 24. November versucht eine Gruppe aus ca. 70 Männern, die Separatisten zu vertreiben, was unter anderem durch Verrat misslingt. Es sterben u.a. drei Dürener. Erst weitere zähe Verhandlungen zwischen Verwaltung, Besatzern und preußischer Regierung führen dazu, dass die Separatisten im Dezember das Rathaus räumen. Am 17. Januar 1924 wird ihre Fahne eingeholt und die letzten Anhänger verlassen am 22. Februar 1924 Düren.


Die Armut ist groß

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs ist die Lebensmittelrationierung noch nicht beendet. So werden 1919 zunächst Lebensmittel wie Eier, Fisch oder Fleisch wieder in den freien Verkauf gegeben. Es dauert allerdings zum Teil noch bis Ende des Jahres, bis auch Brot und Getreide sowie Butter, Kartoffeln oder Milch wieder frei verkäuflich sind. Und auch dann sind sie oft in viel zu geringen Mengen zu beschaffen, so dass Brot weiterhin mit anderen Zutaten (wenngleich zumindest ohne Ersatzstoffe wie Gips o.ä.) ergänzt werden muss, um annähernd genügend für die Bevölkerung zu haben. Daher leiden auch viele Dürener während der 1920er Jahre an Unterernährung, was insbesondere Kinder hart trifft. So veröffentlicht die Stadt Düren z.B. 1923 einen Aufruf, keine Milch für Kaffee zu verwenden, da diese zur Versorgung von Kindern dringend benötigt werde.
Die Not ist in vielen Familien auch wegen der hohen Arbeitslosigkeit und der rasanten Entwertung des Geldes sehr groß, so dass zahlreiche Unterstützungen ins Leben gerufen werden, die vor allem durch die Ausgabe von Speisen und Heizkohle den Menschen helfen wollen. Die Alters- und Volksspeisung z.B. gibt in der Woche über 1.000 Portionen Nahrung aus. Die landwirtschaftlichen Betriebe werden regelmäßig zum Spenden für Bedürftige aufgerufen oder durch die Kreisbauernschaft verpflichtet. Die Dürener Volkszeitung berichtet von einer Spende von 6.000 Weißbroten aus der Landwirtschaft an besonders Bedürftige. Trotzdem müssen auch die Versorgungsämter immer wieder mit Sonderbrot aushelfen.
Die Not wird zudem durch die hohe Arbeitslosigkeit empfindlich verstärkt. Laut Oberbürgermeister Ernst Overhues sind 1923 etwa 8.000 Dürener erwerbslos und somit auf finanzielle Hilfe und eine öffentliche Speisung angewiesen. Die Erwerbslosenfürsorge unterstützt durch finanzielle Mittel seit Ende des Ersten Weltkriegs all jene, die durch den Krieg unverschuldet arbeitslos geworden sind. Sie wird von den Kommunen ausgezahlt und lindert so die größte Not ein wenig.


Inflation

Die Kosten des Weltkrieges wurden von Deutschland zu einem großen Teil durch Inlandskredite („Kriegsanleihen“) aufgebracht, die man – so die Theorie – nach einem gewonnenen Krieg die unterlegenen Feinde bezahlen lassen wollte. Beim unplanmäßigen Ende des Krieges hatte die Mark an den Devisenbörsen bereits die Hälfte ihres Wertes verloren, nicht zuletzt, weil die Reichsbank das Geldvolumen auf das Fünffache erhöht hatte.
Der Ausgang des Krieges brachte neben erheblichen Gebiets-, Rohstoff- und Produktionsverlusten eine sich ständig verschlechternde Zahlungsbilanz aufgrund des hohen Importbedarfs z. B. für Lebensmittel. Dazu kamen die Kosten der Demobilisierung und der Kriegsopferversorgung, vor allem aber auch die zu erbringenden Reparationen nach dem Versailler Vertrag.
Allerdings gab es – zumindest bis 1922 – nicht nur Verlierer der Inflation. So konnte das Reich seine inländischen Kreditschulden bequem abtragen.
Es dauerte nach Beginn des Krieges ungefähr fünfeinhalb Jahre, bis die Mark auf etwa ein Zehntel ihres Vorkriegswertes gesunken war; zum nächsten Verfall auf ein weiteres Zehntel kam es innerhalb von bloß zweieinhalb Jahren, zum wiederum nächsten dann in nur 108 Tagen und im Oktober 1923 sackte die Mark alle 8 bis 11 Tage auf ein Zehntel ihres vorherigen Wertes ab.
In dieser Endphase entwickelte sich als letztes Paradox eine akute Geldknappheit. Obwohl über 300 Papiermühlen und rund 2000 Druckpressen Tag und Nacht mit der Herstellung von Geldscheinen beschäftigt waren, konnte die Papiergeldmenge, die bei den aufgeblähten Preisen zur Abwicklung von Geschäften nötig war, nicht beschafft werden. Im ganzen Reich gingen Unternehmen, aber auch Kommunen dazu über, eigenes Notgeld zu drucken.
In mehreren Schritten vom 15. November 1923 – Einführung der Rentenmark – bis zum September 1924 – Einführung der durch Gold oder Devisen gedeckten Reichsmark – konnte die Währung stabilisiert und die deutsche Wirtschaft wieder handlungsfähig werden.

Lebensmittelpreise

Am schmerzhaftesten machte sich die Inflation bei den Gegenständen des täglichen Bedarfs bemerkbar. Um die kleinsten Einkäufe zu erledigen, musste am Ende das Geld in Rucksäcken und Wäschekörben transportiert werden, wenn die Einzelhändler es überhaupt noch annahmen.
Ein 1800 g schweres Graubrot kostete 1923 ab

3. Sept. 440.000 Mark
17. Sept. 3.500.000 Mark
24. Sept. 8.600.000 Mark
1. Okt. 16.000.000 Mark
8. Okt. 24.000.000 Mark
15. Okt. 135.000.000 Mark
22. Okt. 320.000.000 Mark
17. Nov. 400.000.000.000 Mark
26. Nov. 1.000.000.000.000 Mark

Notgeld

Die fortschreitende Entwertung der Mark hatte das Vertrauen der Menschen in ihre Währung nachhaltig erschüttert. Allenthalben wurde nach Alternativen gesucht, zumal auch die ausreichende Versorgung mit staatlichen Zahlungsmitteln nicht gewährleistet war.
Mitte 1922 erhielten die Landkreise Düren, Euskirchen, Jülich und Schleiden zusammen mit der Vereinigung der Industriellen von Düren und Umgegend und der Handelskammer Stolberg die Genehmigung zur Notgeldausgabe für den hiesigen Bezirk. Sie waren aber schon bald nicht mehr in der Lage, den Bedarf an Notgeld zu decken.
Viele Städte waren zu dieser Zeit schon zum Notgelddruck geschritten und hatten so Gelegenheit, sich selbst zu helfen. Der Stadt Düren wurde jedoch erst im August 1923 die Genehmigung zur Ausgabe von Notgeld erteilt, nachdem sich die Versorgungslage der Bevölkerung dramatisch verschlechtert hatte.
Die im Oktober 1923 ausgebrochenen Separatistenunruhen und die damit verbundene Sperrung der Reichs- und Staatszuschüsse, hauptsächlich zur Erwerbslosenfürsorge, die mehr als einen Monat anhielt, verschärften die Finanzlage der Stadt weiter gewaltig. Während dieser Zeit stand als Zahlungsmittel nur das städtische Notgeld zur Verfügung.
Die Separatisten versuchten wiederholt, städtisches Notgeld zu beschlagnahmen oder den Notgelddruck an sich zu reißen. Ersteres ist ihnen jedoch nur in ganz geringem Umfange gelungen. 108 Billionen Mark wurden gewaltsam im Kassenraum der Städtischen Sparkasse weggenommen. Sie stellten zwar selbst Papiergeldscheine her, die indessen von der Bürgerschaft nicht gewertet und nur vereinzelt unter Drohungen angenommen wurden.
Die Notgeldausgabe der Stadt erledigte die Stadtfinanzverwaltung gemeinsam mit der Städtischen Sparkasse. Es gelangten zur Ausgabe rund 680 000 RM in Scheinen von 500 000 Papiermark bis 20 Billionen Mark, die Anfang 1924 restlos eingelöst wurden. Das städtische Notgeld wurde am 1. April 1924 außer Kurs gesetzt.

Ab August 1923 durfte die Stadt Düren eigenes Notgeld ausgeben. Es wurden ausgegeben:

Stückzahl Art des Notgeldes
der ausgegebenen der nicht zurückgekommenen  
Notgeldscheine Scheine zu

80.000

6.735 500.000 M
627.290 37.926 2 Millionen M
323.503 19.692 5 Millionen M
111.701 10.626 25 Millionen M
234.400 15.738 50 Millionen M
257.000 17.231 100 Millionen M
142.000 11.638 500 Millionen M
100.850 6.573 1 Milliarde M
75.801 2.886 5 Milliarden M
6.100 444 20 Milliarden M
61.570 1.687 50 Milliarden M
85.880. 756 100 Milliarden M
204.500 1.238 500 Milliarden M
41.000 355 1 Billion M
75.451 436 5 Billionen M
20.500 144 10 Billionen M

Städtische Finanzen

Die Inflation wirkte sich natürlich auch auf die städtischen Finanzen verheerend aus. Die Einnahmen konnten mit den Ausgaben in keiner Weise Schritt halten. Die zu Beginn der einzelnen Rechnungsjahre festgesetzten Steuern waren schon nach der Erteilung der vorgeschriebenen Genehmigung, die sich mehrere Monate hinzog, und erst recht nach Anlegung der Hebebücher, Ausfertigung und Zustellung der Steuerzettel überholt. So lohnte sich sogar vielfach die zwangsweise Beitreibung der Steuern nicht mehr.
Die Aufrechterhaltung der Verwaltung mittels Krediten stieß ebenfalls auf große Schwierigkeiten. Langfristiges Geld war kaum zu haben, die Beschaffung kurzfristiger Kredite war ebenso schwierig. Als schließlich 1922 die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung ernstlich in Frage gestellt war, half die Reichsbank abweichend von ihrer sonstigen Praxis mit größeren kurzfristigen Krediten. Da die Stadt erst im August 1923 die Erlaubnis zum Einsatz von Notgeld erhielt, kann die Zeit von Mitte 1922 bis August 1923 deshalb wohl als der schwierigste Zeitabschnitt für die Finanzwirtschaft der Stadt bezeichnet werden.
Auch die Platzierung von Anleihen, etwa für den dringend notwendigen Wohnungsbau, bereitete große Schwierigkeiten. Durch den langen Zeichnungszeitraum wurden sie, genau wie aufgenommene Schuldscheindarlehen, nur erheblich entwertet ausgezahlt.
Selbst nach der Umstellung der Währung herrschte in der Stadtkasse große Geldnot. Steuermittel gingen nur zögernd ein, da auch in der Bürgerschaft noch kein Kapital vorhanden war. Kurzfristige Kredite mussten teilweise mit 90% verzinst werden.
Die Ausgaben wurden auf das unumgänglich Notwendige (hauptsächlich Unterstützungs-, Gehalts- und Lohnzahlungen) eingeschränkt, die in der Ausführung begriffenen wenigen Bauten stillgelegt.
Erst im Laufe des Jahres 1925 trat allmählich eine Normalisierung ein.


Dürener Industrie

Die Industrie der Dürener Region hatte nach dem verlorenen Weltkrieg gleich in verschiedener Hinsicht zu kämpfen. Zum einen galt es, wieder auf „Friedenswirtschaft“ umzustellen, was nicht allen gleich und gleich gut gelang. Zum anderen waren die Bedingungen durch eine in vieler Hinsicht äußerst rigorose Besatzung gegenüber denen im unbesetzten Deutschland vielfach bedeutend schlechter, was die Wettbewerbsfähigkeit Dürener Firmen nachhaltig beeinträchtigte. Besonders die Zeit des Ruhrkampfes ab Januar 1923 brachte schwere Belastungen in Form von Requisitionen, etwa von Fahrzeugen, Ein- und Ausfuhrbeschränkungen durch Zölle und Verkehrsbehinderungen durch Übernahme des Eisenbahnverkehrs durch die Besatzungsmacht.
Das veranlasste einige Firmen, denen das möglich war, Produktions- oder zumindest Auslieferungsstätten im unbesetzten Teil Deutschlands zu errichten. Die „Dürener Fabrik präparierter Papiere Renker & Co.“ etwa baute sich ein solches Standbein in Berlin auf und verbrachte dazu heimlich einen Teil ihrer Maschinen dorthin. Schon vorher hatte man Lieferungen an Kunden, um den Zoll zu umgehen, auf Schleichwegen geschmuggelt.
Unternehmen in Familienbesitz, die über stabiles Eigenkapital verfügten, kamen vielfach besser durch Inflation und Konjunkturtäler. Anker-Teppich Gebr. Schoeller etwa konnte es sich erlauben, ab August 1922 seine Abnehmer zur Zahlung in Goldmark zu verpflichten, was das Firmenkapital nachhaltig schonte.
Perspektiven boten sich jenen Firmen, die über ein breites, spezialisiertes Portfolio verfügten oder sich an den Wachstumsindustrien orientierten. Die Papierfabrik Neumühl stellte eigens eine Papiermaschine auf die Herstellung von Fotopapier um.
Die Firma Julius Hoesch in Hoven, bislang Großhändler für chemische Produkte, nahm im Laufe der 1920er Jahre angesichts der rapide steigenden Motorisierung den Handel mit Treibstoffen auf und ergänzte zu Beginn der 1930er Jahre ihr Angebot um die Erzeugung chemischer Grundstoffe. Die räumliche Expansion in Hoven geschah bezeichnenderweise durch Erwerb des Grundstücks der 1929 pleite gegangenen Papierfabrik Gebr. Stettner.


Die Welt wandelt auf Anker-Teppichen

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden bei Gebrüder Schoeller in Birkesdorf schon im Frühjahr 1919 wieder Teppiche produziert. Durch Zusammenarbeit mit anderen Fabrikanten im „Verband deutscher Teppich- und Möbelfabrikanten“ ab 1920 versuchte die Firma die schwierige Zeit der Inflation zu überstehen. Allerdings rettete allein die Abwicklung der Geschäfte in US-Dollar das Kapital des Unternehmens.
Als im Jahr 1924 der Versuch scheiterte, preiswertere Teppiche auf den Markt zu bringen, beschloss die Firmenleitung, künftig nur noch Ware in den höchsten Qualitätsstufen zu produzieren. Die wirtschaftliche Stabilisierung nach der Währungsreform und der Generationswechsel in der Geschäftsleitung von Philipp Schoeller jun. zu Werner Schoeller leiteten ab 1925/26 eine Phase des Aufschwungs für das Unternehmen ein.
In Düren produzierte Teppiche in Luxusqualität sorgten in Bauwerken der Metropolen für das typische mondäne Lebensgefühl der Goldenen Zwanziger Jahre. Beispiele für das bedeutende Objektgeschäft waren die Ausstattung des Hotels „Adlon“ in Berlin, die Verlegung von Teppichen auf Luxusdampfern, wie der „Europa“, oder in „Mitropa“-Speise- und Schlafwagen. Auch im Reichstagsgebäude in Berlin wurden bereits 1925 großflächig Anker-Teppiche verlegt.
Neben den traditionellen blumigen und orientalischen Mustern entwickelte sich ab 1927 ein moderner Stil, der durch Sachlichkeit, Klarheit und Einfachheit gekennzeichnet war. Die Teppichkollektionen wurden von den Anker-Designern mit neuen Farbgebungen und Formen so abgewandelt, dass sie sowohl zu traditionell eingerichteten als auch zu modernen Wohnungen passten.


Dürener Verkehrs- und Werbewoche 1927

Vom 15. bis 22. Mai 1927 präsentierte sich die Dürener Geschäftswelt ganz im Stil der Zeit in einer schillernden Werbeveranstaltung. Ziel war nach unruhigen und instabilen Nachkriegsjahren die Stärkung Dürens als Wirtschaftsstandort. Auch der Gemeinsinn der Dürener als Bewohner einer attraktiven Einkaufsstadt sollte gestärkt werden. „Kaufe am Platze“ hieß das Mantra, das Bürgern aus Düren und Umgebung eingegeben wurde. Für acht Tage putzte sich die Stadt heraus und legte sich mit einem vielfältigen Programm ins Zeug, um Kunden von ihrer wiedererlangten wirtschaftlichen Stärke zu überzeugen.
Tägliche Konzerte an wechselnden Spielorten sorgten für abendliche Unterhaltung. Geschäfte präsentierten in ihren Schaufenstern Sonderausstellungen und luden zu ausgedehntem Schaufensterbummel ein. Die Auslagen waren aufwändig auf Seidentüchern drapiert und mit Blumen und bunten Bändern geschmückt. Sonderöffnungen an Sonntagen sollten die Bürger während der Werbewoche in die Geschäfte locken.
Höhepunkt der Werbewoche war der Reklamekorso durch die Innenstadt. 124 Gruppen aus allen Branchen der Dürener Geschäftswelt nahmen an dem Werbeumzug teil. Der 1 km lange Korso schlängelte sich von der Tivolistraße über Wirtel- und Kölnstraße zum Markt, über die Oberstraße bis zur Aachener Straße. Tausende Schaulustige säumten die Straßen. Sie beobachteten die vorbeiziehenden Wagen und Fußgruppen und feierten, begleitet von Musikkapellen, Dürens wiedererwachenden Glanz.


Verkehrslage

Seit dem Anschluss an die Strecke Köln-Aachen im Jahre 1841 war Düren durch den Bau einer Reihe weiterer Strecken zum Eisenbahnknotenpunkt geworden. Ihr 1874 eingeweihter (zweiter) Bahnhof bildete zugleich den Ausgangspunkt für die Linien nach Neuss–Düsseldorf, Jülich–Mönchengladbach, Euskirchen–Bonn–Trier sowie für die Eifel-Bahnlinie durch das Rurtal nach Heimbach. 1913, vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, waren in Düren bereits über 860.000 Fahrkarten verkauft worden; 1928, zehn Jahre nach Kriegsende, sprengte der Ticketverkauf erstmals die Millionengrenze. Im Eigentum des Kreises Düren stand darüber hinaus ein gut 60 Kilometer langes Kleinbahnnetz und verband Stadt und Land.
Die Bedeutung dieses Transportmittels wurde spätestens im Februar 1923 wieder überdeutlich, als die französische Besatzungsmacht den Dürener Bahnhof besetzte und die Eisenbahn unter eigene „Regie“ nahm (bis Ende 1924). Von diesem Zeitpunkt an konnte Personen- und Güterverkehr von und nach Düren erst ab der Station Buir (außerhalb der französischen Zone) erfolgen.
Allerdings konnte die Eisenbahn auch vorher schon nicht mehr alle Transportbedürfnisse befriedigen. Dazu hätte die Strecke Köln-Aachen viergleisig ausgebaut werden müssen.
Als Entlastung bzw. Alternative bot sich zunehmend das Kraftfahrzeug an. Für den Fernverkehr sah man allerdings die Straßenverbindung Köln – Düren – Aachen als nicht genügend leistungsfähig an. Hier hatte die Stadtverwaltung schon 1925 „ein besonderes Autobahnprojekt Köln-Düren-Aachen geplant und ausgearbeitet, das von der Provinzialverwaltung weiter verfolgt wird.“ (Verwaltungsbericht 1921-1926) Wegen Widerstands aus Aachen und aus finanziellen Gründen kam es jedoch in den 1920er Jahren nicht mehr zur Realisierung dieses Vorhabens.
Eine weitere Möglichkeit der verkehrstechnischen Verbesserung sah man in einer leicht herzustellenden Anbindung an einen Kanal Rhein-Maas. Schließlich wurde sogar noch – wohl in Verkennung der Gegebenheiten – für die Zukunft die Planung eines „günstig gelegenen Flugplatzes“ gefordert.

Die Dreigurtbrücke – Aufbruch in eine neue Zeit

Eine echte Weltpremiere in Düren: Am 28. Juli 1930 wurde in Düren die Dreigurtbrücke der Eisenbahnstrecke Köln – Aachen eingeweiht! Das revolutionär Neue an ihr war der fehlende vierte „Gurt“, der ihr (anstelle des herkömmlichen quaderförmigen) ein dreieckiges Profil gab: Dank der Weiterentwicklungen in der Stahlindustrie nach dem Ersten Weltkrieg konnte der verantwortliche Ingenieur, Reichsbahnoberrat Robert Tils, eine genietete Stahlfachwerk-Konstruktion aus leichterem und dennoch tragfähigem Stahl schaffen, die ohne den zweiten oberen Gurt (Verstrebung über die volle Brückenlänge) auskam.
Die Dürener Dreigurtbrücke über die Rur ist 78 Meter lang und fast 15 Meter hoch. Sie ersetzte eine mehr als 80 Jahre alte Brücke aus Ziegelsteinmauerwerk, deren Fundamente den Anforderungen an den Bahnverkehr der Zeit nicht mehr genügten. Als Zeugnis für die technische Entwicklung im Brückenbau steht die Dreigurtbrücke heute unter Denkmalschutz.


Mobiles Leben in und um Düren

Alle Weg führen nach … Düren! Nach Aachen war Düren die zweitgrößte Stadt im Regierungsbezirk Aachen und Mittelpunkt des Kreises Düren. Von alters her etwas abseits der bedeutenden Landstraßen gelegen, wurde die Stadt 1841 Teil der internationalen Eisenbahnlinie Köln–Aachen–Antwerpen.
Neben der Eisenbahn gewann die Beförderung mit Autobussen zunehmend an Bedeutung: Die 1925 gegründete Aachen-Dürener Verkehrsgesellschaft betrieb elf Buslinien und hatte schon 1926 etwa 250 Sonderfahrten im Angebot. Zu diesen Extratouren schreibt die Gesellschaft, sie sollten „dem Städter Gelegenheit geben, für einen Tag wenigstens in Gottes freier, schöner Natur die Sorgen des Alltags zu vergessen und sich mit der Heimat verbundener zu fühlen.“ Über eine dreiviertel Million Fahrgäste beförderte die Aachen-Dürener Verkehrsgesellschaft 1928. Dabei legten ihre Busse eine Entfernung zurück, die über 14 Erd­umrundungen entspricht. Für die Mobilität der Menschen sorgten mit ihrem Straßenbahnbetrieb auch die Dürener Kreisbahn und die Dürener Dampfstraßenbahn.
Auch der motorisierte Individualverkehr nahm immer mehr Fahrt auf. 1929 waren im Kreis Düren rund 2.100 Kraftfahrzeuge zugelassen, darunter gut 600 Autos und 350 Motorräder in der Stadt Düren. Sie rollten auf unkomfortablen Vollgummireifen über meist holperige Straßenbeläge. Das Fahrvergnügen bestand vermutlich hauptsächlich darin, zu den Auserwählten zu gehören, die überhaupt ein motorisiertes Fahrzeug chauffieren konnten. Statistisch gesehen kam damals nämlich erst ein Kraftfahrzeug auf 40 Dürener. Dennoch existierte ein weit verzweigtes Straßennetz rund um Düren. In der Innenstadt wurden die Hohenzollern- und Schützenstraße sowie der Wirteltorplatz, der damals bezeichnenderweise Verkehrsplatz hieß, für den Durchgangs- und Schnellverkehr ausgebaut.


Motorisierung in den 1920er Jahren

„Temporausch“ bestimmte grundsätzlich den Zeitgeist in den 1920er-Jahren. Motorisierung bedeutete technischen Fortschritt und Modernisierung. Mit dem eigenen Auto oder Motorrad Wochenendfahrten ins Grüne zu unternehmen, war allerdings ein Status, den auch in den „Goldenen Zwanzigern“ in Düren trotz der erhöhten Produktion preisgünstiger Kleinwagen nur wenige erreichten. Das Motorrad vermittelte wie das Automobil den in der Weimarer Republik verbreiteten Glauben an technischen Fortschritt und Modernisierung.
Die allgemeine Motorisierung lief in Düren nach dem Ersten Weltkrieg zögerlich an. Erste Autohäuser und Werkstätten erschienen in den frühen 1920ern zaghaft im Straßenbild, etwa in der Eisenbahnstraße, der Weier- oder Wallstraße. Auch Autovermietungen waren verbreitet.
Mit der verbesserten Wirtschaftslage nach der Inflation und der wesentlich kostengünstigeren Fließbandproduktion stieg die Anzahl der Pkw ab 1924 kontinuierlich an. Vor allem die Verkaufszahlen von Motorrädern wuchsen. Ab 1925 wurden die ersten öffentlichen Benzinpumpen an der Kölnstraße und am Stadtpark bereitgestellt. Zuvor wurde Benzin z.B. in Werkstätten gekauft. Am Ende des Jahrzehnts bereitete das Verkehrsaufkommen in den engen Straßen der Dürener Innenstadt bereits Probleme. Erste Fahrschulen boten gegen Ende des Jahrzehntes ihre Dienstleistungen an.
Im Alltagsleben fand vor allem das Motorrad Verwendung als schnelles, billiges und zuverlässiges Beförderungs- und Transportmittel. Maschinen bis zu 200 ccm Hubraumgröße waren übrigens führerscheinfrei. Die Höchstgeschwindigkeit innerhalb geschlossener Ortschaften betrug damals zarte 30 kmh.

Die grosse Freiheit begann an der Tankstelle

Um 1900 waren die ersten Verkaufsstellen für Treibstoffe wie Benzin meist in Drogerien, Kolonialwarenläden, Fahrradgeschäften oder an Hotels und Gaststätten entstanden; mit zunehmender Motorisierung wurden Zapfstellen vermehrt auch an wichtigen Postwegen und Hauptverkehrsstraßen errichtet. 1922 eröffnete die erste öffentliche Tankstelle in Deutschland unter der Marke OLEX am Raschplatz in Hannover: Ein Tankwart mit Schürze und Dienstmütze bediente die Kunden.
Arnold Hergarten, der Eigentümer der Traditionsgaststätte „Breuers Häuschen“ in Gürzenich, errichtete 1926 an der Aachener Landstraße 407 eine Zapfstelle mit einer Benzinpumpanlage für 5.000 kg und verkaufte unter der Marke „Dapolin“ amerikanisches Benzin der Deutsch-Amerikanischen Petroleumgesellschaft (DAPG). Diese, heute unter dem Firmennamen ESSO bekannt, wurde 1890 als deutsches Mineralölunternehmen gegründet und mit einem Indianerkopf als Markenzeichen berühmt.


Ernst Neumann-Neander – MotorradPionier

1926 betrat Ernst Neumann-Neander (1871 Kassel-1954 Düren), genannt N², in Düren die Bühne. Der Maler, Automobilarchitekt und Konstrukteur widmete sich in seiner Produktionsstätte in Rölsdorf der Konstruktion von Motorrädern. Ein rastloser, vielseitiger und bisweilen schwieriger Zeitgenosse, der in der Dürener Erinnerungskultur nicht den Stellenwert einnimmt, der ihm vielleicht gebührt.
Nach diversen beruflichen Stationen siedelte N² im Jahr 1923 nach Köln über. Dort widmete sich der passionierte Motorradfahrer schwerpunktmäßig der Konstruktion von Motorrädern. Die Inflation hatte der deutschen Automobil- und Motorradindustrie zu schaffen gemacht. Neumann-Neander setzte auf die neuartige Serienproduktion von Motorrädern, um die Preise für seine Produkte für den geschwächten Markt senken zu können. Im Zuge der Suche nach einer geeigneten Produktionsstätte für sein Vorhaben kam er nach einer Zwischenstation in Euskirchen (1924-1926) schließlich nach Rölsdorf. Das Platzangebot für seine expandierende Fabrik war ein Faktor für die Standortwahl. Zudem lockte die Nähe zum Produzenten von Duralumin nach Düren. Mit dieser Aluminiumlegierung produzierte N² in Düren Leichtbaumotorräder.
1928 schlug Neumann-Neanders Stunde, als Opel die Lizenz für ein Fahrgestell seiner Produktion erwarb. Die sogenannte „Opel-Motoclub“ wurde bis 1930 im Werk in Sachsen gebaut, bis die Übernahme des Konzerns durch General Motors den Motorradbau bei Opel zum Stillstand brachte.


Op Jöck mit dem Drahtesel

Stetig steigender Beliebtheit erfreute sich in den 1920er Jahren das Fahrrad – als alltagstaugliches Fortbewegungsmittel ebenso wie als Sportgerät. Zahlreiche Radfahrervereinigungen luden die Dürener dazu ein, unter freiem Himmel kräftig in die Pedale zu treten. Die Dürener Radfahrer-Vereinigung 1910, der Bund Deutscher Radfahrer Bezirk Düren, Radfahrclub „Schwalbe“ Gürzenich, Radfahr-Verein Derichsweiler 1922 usw. lockten in der warmen Jahreszeit nahezu wöchentlich mit organisierten Wanderfahrten in die nähere Umgebung.
Auch Radrennen wurden von den Vereinigungen ausgetragen, so etwa das Radrennen „Rund um Düren“, das 1919 Premiere feierte. Radrennsport gehörte in der Weimarer Republik zu den beliebtesten Sportarten. Die Dürener Zeitungen führten eine eigenständige Rubrik „Radsport“. 1922 erhielt die Dürener Radfahrer-Vereinigung 1910 eine eigene Radrennbahn an der Landstraße nach Mariaweiler. Bis zu 30 Mark kosteten Tickets für die besten Zuschauerplätze auf der Tribüne.
Auch als individuelles Verkehrsmittel gewann das Fahrrad in Düren rasch an Bedeutung. Ab Mitte der 1920er Jahre häuften sich Anzeigen Dürener Fahrradfachgeschäfte, die Räder unterschiedlichster Qualität zum Verkauf anboten. Ab ca. 60 Mark war ein fabrikneues Fahrrad um 1927 zu haben. Mit dem Siegeszug der Fahrräder hielten in Düren allerdings auch die Fahrraddiebe Einzug. 1928 waren fast täglich Diebstähle durch „Fahrradmarder“ zu verzeichnen, die vor öffentlichen Gebäuden und selbst von privaten Grundstücken Fahrräder mitgehen ließen.


Düren will kreisfreie Stadt werden

Erste Auskreisungsbestrebungen der Stadt gab es schon in den 70er Jahren des 19. Jhdts. In Preußen hatten schon mehrere Städte in der Größe von Düren diesen Schritt vollzogen und der damalige Bürgermeister Werners hatte den Ehrgeiz, es diesen gleich zu tun. Vorteile einer kreisfreien Stadt waren insbesondere die Befreiung von der Kreisumlage und die selbstständige Erledigung der Aufgaben einer unteren staatlichen Verwaltungsbehörde. Eine neue Kommunalverfassung für die Rheinprovinz, in der u a. die Bestimmung enthalten war, dass eine Stadt mindestens 40.000 Einwohner haben muss, um selbstständiger Stadtkreis zu werden, machte den Bemühungen vorerst ein Ende#. Düren hatte um 1885 rd. 19.800 Einwohner#.
Auch sein Nachfolger Klotz unternahm immer wieder Versuche in diese Richtung. Zunächst musste es darum gehen, die Einwohnerzahl möglichst nahe an diese Grenze zu führen. 1907 waren sich die Parlamente von Düren und Birkesdorf schon einig bezüglich einer Eingemeindung, die aber am Widerstand des Landrats und an der Ablehnung des Kreisausschusses scheiterte.
Nach einem weiteren vergeblichen Anlauf im Jahre 1911 musste die Stadt Düren während der Versorgungskrisen des Ersten Weltkrieges schmerzlich erfahren, was Abhängigkeit von einem übergeordneten Landkreis bedeutete.
Mitte der 1920er Jahre griff Oberbürgermeister Dr. Overhues diese Frage wieder auf und es entspann sich ein wahrhaftiger „Gutachter-Krieg“ zwischen ihm und Landrat Schaaff, der bei einer Loslösung der Stadt vom Kreis diesen als nicht mehr lebensfähig ansah. Unter Einschaltung vieler Ebenen und externer Fachleute wurde das Für und Wider in einer Reihe von teils umfangreichen Anträgen und Denkschriften abgehandelt, ohne dass die Stadt Düren ihrem Ziel wirklich näher kam.
Die Weltwirtschaftskrise und die anschließenden politischen Umwälzungen fegten dieses Thema dann endgültig von der Tagesordnung.


Stadtentwicklung und Wohnungsbau

Zu Beginn der Weimarer Republik bestimmten Bevölkerungswachstum, wirtschaftliche Schwierigkeiten und Einquartierungen von Besatzungstruppen die Wohnungssituation auch in Düren.
Für die Unterbringung des ausländischen Militärs wurden Wohnungen beschlagnahmt und Offizierswohnungen gebaut, z.B. in der Kurfürsten-, Garten-, Van-der-Giese- und Dechant-Vaßen-Straße. Neben der Erstellung von Notwohnungen wurde mit städtischen, staatlichen und genossenschaftlichen Mitteln neuer Wohnraum für die Bevölkerung geschaffen, während der private Wohnungsbau fast ganz zum Erliegen kam. Bei den Neubauten handelte sich oft um Einfamilienhäuser als Teil einer Baugruppe in schlichter Gestaltung.
Zwischen 1921 und 1925 entstanden z.B. Wohnbauten einer Kleinhaussiedlung in der Hansemann-, List- und Roncallistraße, Baugruppen in der Zülpicher Straße und der Schoellerstraße. Mehrfamilienhäuser wurden etwa in der Rurstraße, in der Marienstraße oder an der Ecke Holzstraße/Goethestraße errichtet.
Die Siedlung Grüngürtel war in das städtebauliche Gesamtkonzept des Dürener Stadtbaumeisters Heinrich Dauer eingebunden. In seiner Schrift „Die bauliche Entwicklung und künftige Gestaltung Dürens“ von 1926 forderte er die Trennung der Sektoren Industrie/Gewerbe und Wohnen, die Umwandlung der Altstadt in ein Geschäftszentrum und die umweltschonende Ausweisung von Industriegebieten im Osten der Stadt. Bei Wohngebieten sei auf eine gute Verkehrsanbindung und Wohnqualität in gesundheitlicher und sozialer Hinsicht zu achten; Freiflächen sollten zu Spiel-, Sport- und Erholungszwecken dienen.


Der Grüngürtel: Beispiel für modernen Siedlungsbau

Neues Bauen in den 1920er Jahren war mehr eine soziale Haltung als ein Baustil. Aufgrund der großen Wohnungsnot und der bedrückenden Wohnverhältnisse insbesondere der Industriearbeiter wurde der um 1900 begonnene Siedlungsbau nach dem Ersten Weltkrieg fortgeführt.
Nach Ideen der Gartenstadtbewegung entwarf der Dürener Stadtbaurat Heinrich Dauer das Siedlungsprojekt Grüngürtel im Nordosten Dürens. Der Interessenverband aus Stadt, Dürener Bauverein und der Siedlungsgenossenschaft für Stadt und Kreis Düren setzte die Baumaßnahmen bis zum Anfang der 30er Jahre um. Verantwortlich für die konkrete Realisierung war Heinrich Dauers Mitarbeiter Max Ernst Schneiders, der im Grüngürtel drei zeittypische architektonische Ausdrucksformen verwandte:
1. Einfamilien-Reihenhäuser im Stil des Traditionalismus mit Walm- und Mansardendach an der Brücken- und Fröbelstraße sowie am Freiheitsplatz (noch vor dem Ersten Weltkrieg)
2. Zwei- und mehrstöckige Wohnblocks mit Merkmalen des Expressionismus ab 1925/26 bis etwa 1929 in der Freiheits-, Goeben- und Werderstraße und am Meiringplatz. Diese Phase ist insbesondere durch spitze Winkel und runde Formen sowie Pavillonbauten gekennzeichnet.
3. Schlichte, strenge Wohnblocks nach Auffassung des Funktionalismus in der Blücherstraße nach 1930.
Das einheitliche Erscheinungsbild einer geschlossenen Siedlung entstand durch eine in Ost-West-Richtung verlaufende Grün­achse, von der in Nord-Süd-Richtung zahlreiche Fußwege abzweigen. Über alle drei Phasen hinweg wurden durchgängig braunrote Backsteinziegel und weiße/helle Holzfenster verwendet. Für die Baugruppen existierten funktionale, sparsame Typengrundrisse. Symmetrien im Straßenbild spiegelten sich auch in der Bepflanzung durchgrünter Freiflächen wider.
Als städteplanerisch wegweisend wurde zwischen Wohn- und Verkehrsstraßen unterschieden.

Gebäudetypen entlang der Grünachse

Rund um den vorderen Teil des Grünstreifens, der an der Schoellerstraße beginnt und sich durch die gesamte Siedlung zieht, wurden die so genannten Arkadenhäuser errichtet: meist städtische Gebäude mit vorgelagerten Bogenhallen.
Dieses klassizistische Stilelement unterstrich den Charakter des Platzes als öffentlicher Bereich: Gemäß der Planung von Stadtbaurat Heinrich Dauer wurden hier Kirche, Schule und Bürgerhaus angesiedelt.
Ein Beispiel für die Schönheit sachlicher Gliederung sind die vier Winkelhäuser am Rasenvorplatz zur Grün­achse: Die für Reichsbahn­bedienstete geschaffenen Wohnungen besaßen bereits großzügigere Grundrisse als die Arbeiterwohnungen in der Siedlung.

Zwischen Konformität und Individualismus

Der Meiringplatz südlich der Grünachse setzt seinen eigenen Akzent: Das fünfgeschossige Bügeleisenhaus verleiht dem Gesamtensemble der Siedlung eine individuelle Note. Möglicherweise haben die Planer damit dem Vorwurf entgegenwirken wollen, im Siedlungsbau zu schematisch zu verfahren.
In der Dürener Zeitung vom 17. Januar 1930 wird der keilartig in den Platz ragende Turmbau als „monumental“, als „Ozeandampfer im Trockendock“ beschrieben. Auch die sechseckige langgezogene Platzgestaltung sowie die Querverbindungen zu Nachbargebäuden deuten eine neue Architektur an. Sicherlich hat Max Ernst Schneiders bei seinem Konzept auch die Vision einer neuen Gesellschaft im Blick gehabt.
Das große Rundgebäude am Ende der Goebenstraße, in dem ein Konsumladen untergebracht war, fiel als verputzter Sonderbau ebenso aus dem Rahmen.


Zwischen Freiheitsstraße und Blücherstraße

Der Siedlungsteil nördlich der Grünachse erhält sein zusammenhängendes Erscheinungsbild durch rechteckige Flachdachbauten.
Die Freiheitsstraße mit zweigeschossigen Häuserbauten erfährt eine besondere Akzentuierung durch den etwa in der Mitte des Straßenzuges gelegenen Rundbau Nr. 27, in dem früher die Bäckerei Engelbert Hövel ansässig war. Die Betonung der Horizontalen durch Backsteinbänder in Fensterhöhe und gelbe Lagerfugen sind typisch expressionistische Gestaltungselemente.
In der Goebenstraße steht auf Höhe der Nr. 64 das um 45 Grad gedrehte Einzelgebäude der ehemaligen Metzgerei Hermann Gräfen mit quadratischem Grundriss. Schräg zur Straßenachse angeordnete Häuserzeilen erzeugen im Straßenverlauf eine rautenartige Figur und unterstreichen das Spiel der geometrischen und kristallinen Strukturen.
Die Werderstraße besticht durch einen mehreckigen Platz mit nach außen gewölbten Abschlussgebäuden.
Die Blücherstraße ist durch wechselnd breite Streifen vor den zwei- und dreigeschossigen Reihenhäusern und zwei vorgelagerte, einander gegenüberliegende viergeschossige Gebäude gekennzeichnet: Sie wirkt dadurch betont schlicht und sachlich, d.h. funktionalistisch.


„Schaufenster voll nützlicher Dinge“

Warenhäuser, wie Leonard Tietz in Düren, entstehen häufig schon im ausgehenden 19. Jahrhundert. Zu Tempeln des Konsums für Jedermann werden sie aber erst in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Die Massenproduktion macht’s möglich. Wer sich keine hochwertigen Maßanfertigungen leisten kann, kauft günstig von der Stange. Konfektionierte Kleidung ist eine Erfindung dieser Zeit. Wer gut nähen kann, erwirbt Stoff, Nähgarn, Schnittmuster und Accessoires – natürlich im Warenhaus – und schreitet selbst zur Tat. Und wer gerne vor dem Besuch schon weiß, was ihn erwartet, bestellt sich einen Katalog nach Hause oder macht einen Schaufensterbummel und betrachtet die präsentierten Auslagen.
Konsum ist am Ende des Kaiserreichs nicht länger nur etwas für die gesellschaftliche Oberschicht, sondern für jeden, zumindest in der Theorie. Konsumbeschleunigend wirkt seit den 1920er-Jahren vor allem die Werbung, für die nun alle neuen Medien genutzt werden: moderne Anzeigen in Zeitungen und Illustrierten, Leuchtreklame und sogar eigens produzierte Kinofilmchen. Trotz der wirtschaftlich unbeständigen Zeit nach dem Krieg und während der Inflation, gelingt es den meisten Warenhäusern, den Schein zu wahren – nicht zuletzt durch immer billiger produzierte Massenware.
Die Schaufenster-Auslagen sind reich gefüllt. Neben Nähgarnen, Knöpfen, Stoffen, Weißwäsche und Konfektionskleidung, gibt es auch immer mehr Kosmetikprodukte, Süß- und Tabakwaren sowie technische Geräte wie Grammophone, Radioapparate, Telefone und Schallplatten zu bestaunen. Diese Verlockungen kontrastieren nicht selten mit der wirtschaftlichen Realität der potentiellen Käufer. So mancher steht vermutlich sehnsuchtsvoll davor und sieht nur, was er sich nicht leisten kann.
Erst die Währungsreform von 1924 führt dazu, dass breitere Bevölkerungsschichten vor allem von der zunehmend günstigeren Kleidung profitieren. Doch auch das Selbstschneidern bleibt in Mode, wie die große Zahl an Modezeitschriften und Schnittmustern belegt. Die früher übliche Maßanfertigung wird mehr und mehr zum Luxus.


Kunst und Design

Prägend für die Aufbruchstimmung nach 1918 war der Begriff „neu“, der in den politischen und gesellschaftlichen Unruhen der 1920er Jahre Orientierung versprach: „Neues Bauen“ - „Neue Musik“ – „Neues Denken“ – „Neues Wohnen“ – „Neue Sachlichkeit“ und nicht zuletzt „Schöne neue Welt“ im Roman von Aldous Huxley 1932.
Neu war auch die Vision bildender Künstler, „einen direkten Beitrag zur Gestaltung der realen Umwelt des Menschen zu leisten.“ Vor allem das von Walter Gropius 1919 in Weimar gegründete „Bauhaus“ vereinte in seinen Werkstätten unter der Mitwirkung bedeutender Künstler wie Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky, Paul Klee und Anderen Kunst mit Architektur und Handwerk sowie Design für die industrielle Produktion.
Wilhelm Wagenfeld (1900-1990), hier mit 4 Repliken seiner Entwürfe vertreten, arbeitete zwei Jahre im „Bauhaus“ und war später von 1952-1958 für die Dürener Firma Peill & Putzler tätig. Seine Lampen gelten als Beispiel für die Idee der Bauhausschule, Licht, Form und Raum in Einklang zu bringen.
Die neuen einfachen Formen gelten auch als Gegenentwurf zum bürgerlichen Geschmack, der vor allem in der Kaiserzeit eine überladene Gestaltung von Räumen, Möbeln und Gebrauchsgegenständen bevorzugte.
Dass in dieser Zeit auch in Düren Aufgeschlossenheit für Neues vorhanden war, zeigen Gegenstände aus Haushalten der 1920er Jahre.


Film ab! Stummfilmkino in den Zwanzigern

Am Ende des Ersten Weltkriegs zählte Düren drei Kinos: Das „Theater lebender Photographien“ (später „Germania-Lichtspiele“) in der Wirtelstraße 21, das „Kaiserkino“ in der Wirtelstraße 20 (später „UT-Lichtspiele“) sowie das „Dürener Lichtspielhaus“ in der Oberstraße 50. 1925 öffnete noch das „Metropol-Theater“ in der Kölnstraße 55 seine Pforten. 1928 eröffnete schließlich das „Jugendkino“ in der Goethestraße, das sich v.a. Lehrfilmen für das junge Kinopublikum verschrieben hatte. Ticketpreise begannen bei ca. 50 Pfennig.
Die Dürener Kinos zeigten in jenen Jahren ausnahmslos Stummfilme. Diese wurden durch Klavier oder kleines Orchester musikalisch begleitet.
Das damalige Filmprogramm setzte sich v.a. in den frühen Zwanzigern aus mehreren aneinandergereihten, kurzen Filmen zusammen. Beliebt waren beim Dürener Publikum v.a. unterhaltsame Streifen. Hoch im Kurs standen etwa Detektivgeschichten über Sherlock Holmes, Klamaukfilme mit Charlie Chaplin oder große Blockbuster wie Ben Hur. Die eingeblendeten Zwischentitel von Stummfilmen waren schnell und problemlos in alle Sprachen übersetzbar. So geschehen übrigens auch mit deutschsprachigen Filmen, die in Düren für französische Besatzungssoldaten manchmal in französischer Fassung gezeigt wurden.
Aber auch deutsche und sogar lokal produzierte Streifen lockten die Dürener in die Kinos. So zeigte das Dürener Lichtspielhaus 1921 den Film „Der Festzug der Dürener Handwerker“. Das Jugendkino präsentierte 1930 einen Film über den Abzug der französischen Truppen aus Düren. Erhalten sind diese Filme leider nicht – die Mehrheit der deutschen Stummfilme wurde mit Einführung des Tonfilms entsorgt.
Der erste Tonfilm kam übrigens am 13. Juni 1930 im UT-Kino zur Uraufführung und besiegelte das Ende der Stummfilmära in Düren.


„Mädchen und Frauen:  Heraus aus der Finsternis!“

Als der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann am 9. November 1918 vom Fenster des Berliner Reichstags die Republik ausruft, ist der Weg zur Einführung des Frauenwahlrechts nicht mehr weit. Bereits zwei Tage später veröffentlicht auch die Dürener Zeitung folgenden Aufruf:
„Die Staatsminister, die im Einverständnis mit dem vereinigten revolutionären Arbeiter- und Soldatenrate die Geschäfte vorläufig weiterführen, haben sofort Neuwahlen auf Grundlage des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts für Männer und Frauen ausgeschrieben.“ (Dürener Zeitung, 11. November 1918)
Am 30. November 1918 wird es gesetzlich verankert und tritt sofort in Kraft. Alle deutschen Frauen, die mindestens 20 Jahre alt sind, dürfen nun erstmalig in der Geschichte aktiv und passiv an politischen Wahlen teilnehmen, das heißt, sie dürfen nicht nur wählen, sondern sich auch selbst als Abgeordnete wählen lassen.
Sofort beginnt ein wildes Wettbuhlen sämtlicher Parteien um die Aufmerksamkeit dieser ganz neuen potentiellen Wähler. Wahlplakate richten sich auf einmal entweder an beide Geschlechter oder sogar ausdrücklich nur an Frauen. Große Proteste gegen das Frauenwahlrecht scheint es dagegen weder in Düren noch andernorts zu geben – weder nun, noch in der Vergangenheit.
Die erste Gelegenheit, das neue Recht zu nutzen, bietet sich am 19. Januar 1919 bei der Wahl zur verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung. Millionen deutsche Frauen nehmen ihr Recht wahr. Mancherorts kommt es zu langen Schlangen vor den Wahllokalen. 300 Frauen kandidieren, 37 werden gewählt.
Die meisten weiblichen Abgeordneten stammen aus den Reihen der SPD. Marie Juchacz, eine Sozialdemokratin aus Berlin, ist die erste Frau in der Geschichte, die als Abgeordnete vor der Weimarer Nationalversammlung spricht. 1958 wird in Düren eine Straße nach ihr benannt.


Die „Neue Frau“ – einem Mythos auf der Spur

Die Frauen der 1920er-Jahre sind emanzipiert. Tagsüber gehen sie arbeiten und verdienen ihr eigenes Geld. Sie sind nicht länger abhängig von Männern, können politisch wählen und sich wählen lassen. Abends tanzen sie in kurzen Fransenkleidchen zu amerikanischer Charleston-Musik, schlürfen Cocktails und rauchen in der Öffentlichkeit. Manche fahren sogar Auto. Sie treiben Sport, sind sexuell unabhängig und tragen keine enggeschnürten Korsetts mehr. Sie kämpfen für ihr Recht auf ihren Körper, für Verhütungsmittel und Abtreibungen.
Die Frauen der Zwanziger sind „Neue Frauen“. Soweit das Klischee. Doch gibt es diese Frauen wirklich, oder sind sie Teil eines Mythos?
Sicher ist: der Erste Weltkrieg und die erzwungene Berufstätigkeit vieler Frauen, die ohne ihre Männer ihre Familien nicht mehr ernähren können, haben einen großen Schritt auf dem Weg zur Emanzipation bewirkt. Auch nach dem Ende der Kampfhandlungen bleiben viele Frauen berufstätig, trotz der Rückkehr der Männer und staatlicher Entlassungswelle. In mancher Familie, in die kein Mann zurückgekehrt ist, ist es schlicht unmöglich für die Frau, nicht ihr eigenes Geld zu verdienen.
Dennoch, die Weimarer Zeit ist eine Zeit des Aufbruchs für Frauen: erstmalig stehen ihnen alle Berufsgruppen offen, 1922 werden Frauen zum öffentlichen Dienst zugelassen, zum ersten Mal entstehen flächendeckend weibliche Sportvereine. Die Befreiung vom Korsett und die allgemeine Entwicklung der Mode machen ein sportlicheres Leben möglich. Natürlich tragen Film, Presse und Werbung viel zur Verbreitung des Bildes von der Charleston-tanzenden Diva im kurzen Kleid bei – und doch: es gibt solche Frauen. Natürlich nicht auf dem Land – und wohl auch nicht in Düren –, aber in den Großstädten existieren sie. Und sind vielleicht die Idealvorstellung so mancher nach außen hin noch konservativen Frau.
So handelt es sich bei vielen Frauen der Zwanziger tatsächlich um „Neue Frauen“ – auch ohne Glitzerkleid, in einer etwas abgeschwächteren, lebenswirklicheren Version.


Mode der 1920er-Jahre – ein glamouröses Klischee?

Zigarettenspitze, Bubikopf, glitzernde Fransenkleider und Federschmuck – denkt man an die 1920er-Jahre, beeinflussen Bilder dieser Kleidungsstücke, Accessoires und Frisuren einen Großteil unseres Eindrucks der Epoche, und das nicht ganz zu Unrecht. Kaum ein anderer Lebensbereich spiegelt derart deutlich die massiven gesellschaftlichen Veränderungen der „Goldenen Zwanziger“ wider wie die Mode.
Doch die uns heute als typisch für diese Zeit bekannten Charleston-Kleider mit dazu passendem Kopfschmuck samt Federn und Pailletten tauchen erst zur Mitte des Jahrzehnts auf. Sie stellen „Extremfälle“ dar und spiegeln kaum die Alltagskleidung von normalen Frauen. In Städten mit ausgeprägtem Nachtleben, wie Berlin und Köln, sieht man sie abends in den Varietés und Kabaretts, doch in Düren, wo es solch ein Nachtleben nicht gibt, ist kaum Gelegenheit, solche Kleidungsstücke zu tragen.
Trotzdem sind auch an der Rur die allgemeinen Tendenzen der Veränderung zu spüren: die Haare und die Röcke der Damen werden kürzer – manchmal reichen sie gar nur noch bis zum Knie. Die Schnitte sind einfacher, weniger figurbetont, die Taille sitzt tiefer und viele Kleider sind nun rücken- oder schulterfrei. Neue Hutformen, wie die „Cloches“, enganliegende Glockenhüte, kommen auf. Die Füße, die durch die kürzeren Röcke plötzlich viel stärker im Fokus stehen, werden in Satin-, Samt- oder Krokodilleder-Schuhe mit schmalen Riemchen gesteckt.
Männer- und Kindermode sind auf den ersten Blick einem weniger deutlichen Wandel unterworfen, doch werden auch sie insgesamt sportlicher und legerer. Man(n) trägt nun Knicker-Bocker mit bunten Kniestrümpfen und farbigen Krawatten. Für beide Geschlechter bevorzugt man helle, freundliche Farben, verziert die Kleidung mit Glasperlen oder verwendet schimmernde, zarte Stoffe.
So schwingen auch auf Fotografien von Dürenerinnen und Dürenern diese gewisse Leichtigkeit, die Lebensfreude und der Zauber dieser Zeit mit, die bis heute faszinieren – auch ohne Charleston-Kleid.


Wochenend und Sonnenschein … – endlich Freizeit

Mit der Einführung des Acht-Stunden-Tages in Industrie und Verwaltung verfügte die Mehrheit der Arbeitnehmer auf einmal über ein nie gekanntes Maß an freier Zeit. Der Begriff „Freizeit“ wurde erstmals im Jahr 1929 in den Duden aufgenommen.
Diese neue Freiheit gab den Menschen die Chance, Zeit zur Erholung und Zerstreuung im Grünen zu nutzen. Nach dem Abzug der Besatzungstruppen blühte daher auch im Stadtpark an der Rur das gesellschaftliche Leben wieder auf.
Schloss Burgau, 1917 von der Stadt mit Mitteln der Benno-Schoeller-Stiftung erworben, entwickelte sich zu einem beliebten Ausflugsziel der Dürener. Die Schlossanlage mit Restaurationsbetrieb, Kanuverleih und einem verzweigten Wegenetz wurde ab 1923 in die Volkserholungsstätte Burgau mit Spiel- und Sportstätten umgewandelt.
Vereine, Organisationen und Gruppen boten sich als preiswerte Form der Freizeitgestaltung an. Insbesondere der Sport, wie Turnen oder Fußball, wurde ein Vergnügen für die Masse. Er gab den Menschen wieder das Gefühl, am aktuellen Geschehen teilzuhaben. Auch bot er ihnen eine Wahl zwischen eigener aktiver Beteiligung oder Beschränkung auf eine reine Zuschauerrolle, etwa bei Rad- oder Motorradrennen.
Beispielhaft für diese Entwicklung ist das Jugendstadion in Rölsdorf, das 1921 eingeweiht wurde und zwei Jahre später eine Radrennbahn erhielt. Es zählt heute zu den ältesten noch erhaltenen Stadien mit Tribüne in Deutschland.


Freizeitbeschäftigung Nummer Eins: der Sport

Freizeit in der Form, wie wir sie heute kennen, ist ein Phänomen der Weimarer Republik! Seit 1918 landesweit der Achtstundentag eingeführt ist, haben sie die Deutschen plötzlich in ungekanntem Maße. Doch was tun mit all der Zeit?
Sport wird schnell zur beliebtesten Freizeitbeschäftigung – und auch erstmals zum Massenphänomen. Das Radio bringt ihn erstmals bis in die Wohnzimmer. Egal ob Radrennen, Fußballspiele oder Boxkämpfe, die Deutschen begeistern sich als Zuschauer für alle möglichen Sportarten. Erstmals werden Sportler wie der Boxer Max Schmeling zu gefeierten Legenden. Die neuen Medien machen’s möglich.
An den Schulen wird Sport nun als Teil einer ganzheitlichen Erziehung gewertet und fester Teil des Lehrplans. Und auch das Vereinswesen erfreut sich ungebrochener Beliebtheit, doch das vor allem bei Männern: nur sechs Prozent der deutschen Frauen sind Mitglied in einem Sportverein.
Neben Turnen, Fußball, Leichtathletik, Wandern, Pferde- und Autorennen sowie Rad- und Schießsport lieben die Deutschen vor allem die Bewegung im kühlen Nass: Wassersportarten, wie das Schwimmen stehen in den 1920er-Jahren auf Platz zwei der beliebtesten Sportarten.
Tennis und Golf gelten dagegen zu Beginn der Weimarer Republik als Oberschichtensportarten und sind vor allem im Arbeitermilieu verpönt. Erst im Laufe des Jahrzehnts gewinnen sie an Beliebtheit, vor allem Tennis mausert sich zur angesagten Beschäftigung für Frauen und beeinflusst auch die Mode nachhaltig. Der Sport ist dabei vor allem Ausdruck eines neuen Lebensgefühls.

Wo gehen die Dürener zu der Zeit schwimmen?

Die einzige offizielle Schwimmeinrichtung, die während der Weimarer Zeit in Düren existiert, ist die Rurbadeanstalt, zwischen Bismarck- und späterer Dreigurtbrücke gelegen. Dabei handelt es sich um eine 1884 auf Pontons installierte Zellenbadeanstalt. Die Wassertiefe des im Fluss künstlich angelegten Schwimmbeckens kann seit der Einrichtung eines Nadelwehrs im Jahr 1898 konstant auf etwa 2 Meter gehalten werden. Es gibt männliche und weibliche Schwimmlehrer und das Freibad erfreut sich bei den Dürenerinnen und Dürenern seit der Einweihung großer Beliebtheit. Die Badestunden für die verschiedenen Besuchergruppen sind strikt geregelt, denn Frauen und Männer, Schüler und Erwachsene baden weiterhin getrennt voneinander.
Natürlich baden viele auch weiterhin auf eigene Faust im Fluss – und bezahlen den Freizeitspaß nicht selten mit dem Leben. Vor allem im Frühjahr wandelt sich die Rur nicht selten in einen reißenden Strom.


Sport und Mode – eine Weimarer Verbindung

Die in der Kaiserzeit übliche Mode aus schweren Stoffen, engen Korsetts, hochgeschlossenen Kragen und langen Röcken ist für körperliche Ertüchtigungen jeglicher Art denkbar ungeeignet. Zum Sporttreiben wird sie abgelegt und gegen funktionalere Röcke, Hosen, Schuhe oder Schwimmanzüge getauscht. Wichtig ist, dass die Sportkleidung nicht unsittlich ist und den gesellschaftlich festgelegten Formen entspricht. Frauen, die beim Sport Hosen tragen, sind vor dem Ersten Weltkrieg noch völlig unvorstellbar. Das Verbot für sie, sich in einem solchen Kleidungsstück in der Öffentlichkeit zu zeigen, bleibt bis in die Nachkriegszeit bestehen.
Nach dem Krieg und verstärkt zu Beginn der 1920er-Jahre sind zunehmend Veränderungen zu spüren, die alle Bereiche der Gesellschaft betreffen. Sport wird zur Leitkultur und zum Massenphänomen der Weimarer Zeit und beeinflusst als solches auch die allgemeine Mode: Die Stoffe werden leichter und heller, die Schnitte legerer und die gesamte Kleidung sportlicher. Dieser Wandel überträgt sich schnell auch auf die Sportkleidung: es wird üblich, kürzere Röcke zu tragen, etwa beim Tennis. Skifahrerinnen dürfen sich nun in einer Skihose zeigen und auch die Bademode wird freizügiger.
Besonders Schwimmanzüge für Frauen zeigen auf einmal deutlich mehr Haut und die leichten Baumwollstoffe, aus denen die Bademode nun genäht wird, bilden jede Kontur des Körpers ab, wenn sie nass werden. Die Beine sind nur noch angeschnitten und reichen nicht mehr – wie noch während des Erstens Weltkrieges – bis mindestens übers Knie. Das geht vielen dann doch zu weit. 1932 kommt es deshalb zum sogenannten „Zwickel-Erlass“:
„Frauen dürfen öffentlich nur baden, falls sie einen Badeanzug tragen, der Brust und Leib an der Vorderseite des Oberkörpers vollständig bedeckt, unter den Armen fest anliegt sowie mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist. Der Rückenausschnitt des Badeanzuges darf nicht über das untere Ende der Schulterblätter hinausgehen. (…) .“ (Preußische Gesetzsammlung Nr. 56, 30.9.1932, S. 324).


Weltwirtschaftskrise

Deutschlands Wirtschaft, aber auch die Banken hatten während der wenigen wirtschaftlich einigermaßen stabilen Weimarer Jahre stark auf ausländisches Kapital gesetzt. Das führte bei den privaten Banken dazu, dass das Verhältnis von eigenen zu fremden Mitteln 1929 nur noch etwa 1:10 betrug. Zudem waren mit diesen Geldern oft „ungesunde“, in den Inflationsjahren gegründete Unternehmen finanziert worden. Das Verhältnis liquider Mittel zu Verbindlichkeiten war zudem auf 3,8% gesunken gegenüber 7,3% vor dem Krieg (oder etwa den bei britischen und amerikanischen Banken üblichen 10%).
Als nun aufgrund des 1929 herrschenden Wertpapierbooms an der amerikanischen Börse immer mehr kurzfristiges amerikanisches Geld aus Deutschland abgezogen wurde, standen die deutschen Banken praktisch vor der Zahlungsunfähigkeit. Diese Dynamik wurde noch verstärkt durch den Zusammenbruch zahlreicher, von den Banken finanzierter Unternehmen.
Die Regierung Brüning sah sich 1931 gezwungen, mit von der Reichsbank geliehenen 150 Mill. Dollar die Banken zu stützen. Danach befanden sich die Dresdner Bank zu 91%, die Commerzbank zu 70% und die Deutsche Bank zu 35% im Besitz der öffentlichen Hand.
Das für diesen Kredit und die anderen Verbindlichkeiten – Reparationen und Zinsendienst auf frühere Kredite – nötige Geld suchte sie durch Erhöhung bestehender bzw. Einführung neuer Steuern und radikale Kürzung von Sozialleistungen, Beamtengehältern und Investitionen zu beschaffen. Die Ausgaben der gesamten öffentlichen Hand fielen von 21 Mrd. RM (1930) über 17 Mrd. RM (1931) auf 14,5 Mrd. RM (1932).
Eine Folge davon war ein Anstieg der Arbeitslosigkeit unter der Regierung Brüning von 2,3 auf 6 Millionen.